Archiv für den Monat: Juni 2018

Pladoyer für wirklichen Datenschutz – ich will Web 1.0 zurück.

Die DSGVO ist in aller Munde und ich mache seit mittlerweile Monaten unheimlich viel in diesem Thema. Aber was mache ich wirklich ? Ich dokumentiere und wälze Gesetze und Auslegungen – und Auslegungen der Auslegungen. Und ich schüttle irgendwie innerlich den Kopf über das Web 2.0 und dessen irre Entwicklungen die nun mit eigentlich noch verrückteren Maßnahmen geregelt werden sollen. Und eigentlich trifft dieses Thema meinen Nerv hinsichtlich Gedanken, die schon seit vielen Monaten immer wieder unterschwellig da sind.
Aber von Anfang an:
In meinem Onlineshop Blumenkinder.eu wird Datenschutz groß geschrieben. Und zwar seit Februar 2009 als dieser Shop eröffnet wurde. Denn es ist selbstverständlich mit sensiblen Daten von Menschen verlässlich umzugehen. Bei den Daten handelt es sich im wesentlichen um Adressen, Telefonnummern, eMail-Adressen. Dann noch die Artikel die bestellt wurden und e-Mail Verkehr falls vom Kunden gewünscht. Beratungen zu Produkten und deren Nutzung.
Soweit so save – wirklich save.

Was aber wirklich ein Thema ist: Über die letzten Jahre wurden Firmen quasi gezwungen in Sozialen Netzwerken zu agieren um wettbewerbsfähig zu bleiben. Diese Entwicklung lief ganz schleichend und die Firmen FOLGTEN den Privatleuten ! Immer mehr private User auf Facebook und Co. machten diese Plattformen erst zu relevanten Werbeplattformen und dann zu unumgänglichen Werbeplattformen !
Vorher lief Werbung im wesentlichen über Blogs und über Foren – und zwar zumeist mit richtigen Hintergrundinfos und selbst vom User gesuchten Inhalten. Man suchte aktiv und ließ sich nicht etwas servieren. In Blogs haben User nur interagiert, wenn sie etwas zum speziellen Thema sagen wollten. Dann wurde ein Kommentar geschrieben – und das grundsätzlich ohne den Zwang, irgendwelche persönlichen Daten anzugeben. Ohne Klarnamen. Ohne weitere Infos drum herum. Nur ein Username, eine (mitunter) Fake-Mailadresse und eine Meinung. – Fertig.
In Foren wurde sich angemeldet mit einem fiktiven Usernamen und einer Mailadresse, die man wiederum unabhängig vom Klarnamen in dutzendfacher Ausführung einfach so eröffnen konnte. Einzig die IP konnte mitunter sichtbar sein. Aber keine Daten über Familienstand, Kinder, Job, sexuelle Vorlieben, Hobbies etc.

In den Foren war es üblich, nur unter dem Usernamen zu schreiben und auf keinen Fall seinen Klarnamen zu benutzen. Wenn es an ein etwas heikleres Thema ging, gab es meistens innerhalb des Forums nochmal einen ganz anonymen Usernamen mit dem man sich dann einloggen konnte. Anonymchen 1 bis 50 lassen grüßen 😉

So, nun sind wir alle, alle völlig freiwillig in die Sozialen Netzwerke gewechselt. Und was passiert da ? Frauen schreiben in Gruppen mit über 60.000 Mitgliedern – sechzigtausend (!!!!) Mitglieder_INNEN ganz offen über ihre Vagina. Über den Stand ihres Gebärmutterhalses, über die Frequenz ihres ehelichen oder außerehelichen Beischlafes. Über den Zeitpunkt des ersten Beischlafes und so weiter und so fort. Und das ganze mit dem Rattenschwanz an Daten hinten dran, den sie selber eingegeben haben. Klarname, Wohnort, Freundesliste, Arbeitgeber, Fotos vom Hund, vom letzen Urlaub, von den Kindern. Fotos vom Auto mit Kennzeichen, weitere Interessen in Form von öffentlichen Gruppenmitgliedschaften.
Wenn DIESE ganzen Infos die direkten Nachbarn der Menschen hätten – cool, oder ? 😉 Nicht auszudenken… würde kein Mensch machen… aber das schreibt man ohne groß nachzudenken völlig FREIWILLIG in eine Plattform, die ihren Sitz nichtmal auf deutschem Boden hat und damit auch nicht nach deutschen Gesetzen zu handeln verpflichtet ist. Denn natürlich gab es in Deutschland auch vor der DSGVO scharfe Datenschutzrichtlinien – und mit was – mit Recht !

Würde diese Daten, die man freiwillig irgendwo eingibt, wo sie nicht mehr kontrollierbar sind, die Nachbarin oder die Schwiegermutter oder der Arbeitgeber abfragen – man wäre schockiert ! Und zwar ebenfalls zu recht ! Daher mein Appell an im Grunde alle – anlässlich, aber eigentlich ganz unabhängig von der DSGVO – schreibt doch bitte nicht jeden Kram in Facebook oder Instagram. Es ist doch völlig wurscht, ob jemand eure Telefonnummer hat, wenn ihr im gleichen Atemzug total frei sensibelste Infos an verschiedenen offen einsehbaren Stellen preis gebt.

So. Und darüberhinaus: Was ist denn aus dem Internet für ein verrückter Sch***haufen geworden !? Es ist nur noch eine riesige Flut unsortierbarer Informationen. Von Algorythmen sortierte Bilder die als Aufmerksamkeitsmagneten dienen sollen und im Grunde null Gehalt haben. Ich will wieder längere Texte zu einem bestimmten Thema LESEN oder von mir aus auch hören – aber ohne thematisch nicht passendes Platzmacherfoto. Themen recherchieren, Infos suchen, Ideen bekommen, Lösungen finden, Blickwinkel verändern – ohne Blingbling und Schnickschnack. Das GAB es und das gibt es auch noch. Das Web 1.0 ist im Web 2.0 ja irgendwie noch drin, gell ? Denn der Nutzer gestaltet doch im Grunde die Inhalte indem er sie nutzt – oder eben auch nicht. Es gibt noch Foren und es gibt auch noch Blogs. Wenn wir mal wieder aufhören, blind die uns servierten Inhalte durchzuscrollen, sondern mal wieder AKTIV suchen und auswählen, was wir lesen wollen – dann sind wir SELBST wieder Herr dessen, was wir an Input bekommen. Sofern wir vielleicht eine freie Suchmaschine nutzen – sofern es diese gibt. Oder von Forum zu Blog oder Blog zu Blog oder Forum zu Forum kommen. Inhalte sinnvoll finden und nutzen und auch GEBEN, aber ohne gleich das virtuelle Unterhöschen zu schwenken und die Kinderfotos gleich vorweg zu tragen. Das muss doch möglich sein. So mit Sinn und Verstand und vor allem EIGENEM DatenSCHUTZ.
Mögen die sinnvollen und sicheren Inhalte mit uns sein.

Viel Spaß beim Denken 😉
Birgit