Archiv für den Monat: Juli 2013

Das Kleid, das gerne spätmittelalterlich werden wollte…

… und es in Details zumindest ein klein wenig ist. Hier mal zwei Bilder:

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Hinten musste ich eine Teilungsnaht machen. Das erkläre ich jetzt einfach mal für ok, zumindest im Rahmen heimischer Änderungsmaßnahmen wenn die Trägerin abgenommen hatte oder Kleidung weitervererbt wurde. Ist halt einfacher als Ärmel-und Seitennähte wieder auseinander zu nehmen. Es ist aber immer noch ein Stück zu weit, die Schultern könnten schmaler sein und damit die Ärmelnähte höher ansetzen. Grundlage war übrigens der Burda Schnitt 7977-V, den ich aber nur grob als Ansatzpunkt nehmen konnte. Die Geren habe ich länger gemacht und höher angesetzt. (Das sind die Keile, die in die vordere, hintere und seitliche Mitte eingesetzt werden um den Rock weiter zu machen.

Allerdings gab es im Spätmittelalter auch schon in der Taille angesetzte Rockteile, die an der Taillennaht in Falten gelegt wurden und so die Rockweite ergaben. Das allerdings muss ich erst nochmal verdauen und üben. Das war mit für das „habenwill“ Kleid jetzt zu tüddelig.

Das Oberteil ist vorn geschlitzt, und geschnürt. Zum Schnüren „durfte“ ich bereits historisch belegt Ösen zum Annähen verwenden. Allerdings hatte ich nur 10 (die andere ganze Packung konnte ich gestern abend nicht finden, aber ich weiß ich habe sie 😉 ), daher müssen da noch mindestens 8 dazwischen, sonst ist die Schnürung zu locker.

Die Schnürung ist keine Kreuzschnürung, die gab es nämlich erst in der Renaissance, sondern eine Spiralschnürung.

Die Ärmel könnten entweder lang und zum Handgelenk schmal zulaufend sein, oder aber kurz und dazu einzelne Ärmel zum Annesteln. Wie praktisch, so kann man sich immer ein neues Kleid machen, indem man die Ärmel tauscht 🙂 Die Ansteckärmel muss ich noch nähen.

So, und eigentlich gehört das doppellagig aus Leinen (innen) und Wolle (außen). Das gibt’s dann beim nächsten Kleid. Denn immerhin kann ich jetzt ja den Schnitt vom hier zu sehenden Kleid abnehmen und weiter verfeinern.

Nun muss ich es nur noch färben, denn gefärbt wurde ganz viel im Mittelalter und einfarbeig weiß war eigentlich nur die Unterkleidung und die Haube, wobei selbst die zum späten SpäMi hin belegterweise auch mal farbig.

Die Haube ist hier abgeschaut: http://www.tempora-nostra.de/Detail_haube1,sid8,kontext48.shtml wobei das Band bei mir nicht geflochten, sondern genäht ist (einfach wie Schrägband gefaltet und mit Zierstich zusammengenäht).

Das grüne Beutelchen ist von mir mittels Nadelbinde-Technik gemacht. Der Gürtel und die Ledertasche sind gekauft.

Alles in allem ist die Kluft zwischen „wissen wie es sein müsste“ und „nähtechnisch hinbekommen“ schon noch recht groß, aber Übung macht die Gewandung oder so 🙂

 

Das Mittelalter und ich… oder so…

Ich bin 35 und damit mittelalt. Ähhhm *hust* ja traurig, …ist so, aber darum geht es hier gar nicht 🙂

Seit mittlerweile sowas um die 8 Jahre schlurfe ich meist zur warmen Jahreszeit über diverse Mittelaltermärkte. Total begeistert vom Ambiente, aber leider bislang eher halbherzig gewandet. Das ganze begann mit einem krampfhaften Durchsuchen des Kleiderschrankes und Zusammenstellung einer „ambientigen“ Kleidungskombi in klassischem schwarz (was anderes hat Madame ja kaum im Schrank 😉 ). Der erste Marktbesuch zeigte – geht gaaar nicht. Nein. Es musste ein Mittelalterkleid her. Ebay zeigte mir einen Traum in grün und (ja was wohl) schwarz. Aus Samt. 3… 2… 1… war’s meins. Und stellte sich nach einigen weiteren Marktbesuchen als Flop heraus.

Traurig war die Erkenntnis, das dieses wunderschön wallende Teilchen mit hübscher Kreuzschnürung“ vorn und weichem Samt allover total und gänzlich unpassend ist. Mensch wehrt sich ja immer ganz gern gegen unbequeme Wahrheiten. Aber gut, so war es nunmal und das schöne Kleidchen wanderte in die Kiste mit Faschingskram und Fotorequisiten. Zwischendurch trug es dann mal eine Lady die wir TfPten (Time for Pictures) in einer frühen Selbständigkeit mit Fotografie unter dem Namen Ars Lucis.

Ok, dann also irgendwie anders. Nur was will ich darstellen ? Schließlich tut sich dem, der sich mit dem Begriff „Mittelalter“ auch nur ein klein wenig beschäftigt eine riesige Bandbreite an Darstellungsmöglichkeiten auf. Schließlich ändert sich die Mode in läppischen 1000 Jahren doch das eine oder andere Mal. Anfangs sackige Unterkleider mit sackiger Cotte darüber, dann zunehmend figurbetonter Schnitt teils mit Walle-Ärmeln, dann noch figurbetonter mit tausend Knöpfchen und Schnürungen. Hinzu kommt, daß nicht nur ich mal eben irgendwie irgendwas darstellen wollte (schließlich ist da ja noch das „Ich brauch schnell was zum Anziehen für Freienfels“-Problem), sondern auch mein herzallerliebster Angetrauter tat da so einiges. Da gab es so ein Coladosen-Kettenhemd das dann in mühevoller Kleinarbei ent-chromt und brüniert wurde (was ne Sauerei, ich sag’s euch) , Plattenschultern, Beinlinge & Co.

Was wir eigentlich darstellen wollten, wußten wir aber immer noch nicht so richtig und machten halt mal irgendwas 🙂 Es gab da immerhin schonmal ein selbstgenähtes Unterkleid, was mittlerweile richtig gut zur gewählten Darstellung passt und ein weniger passendes Überkleid. Das Überkleid ist immerhin schonmal aus Wolle und irgendwie Höllenfenster-mäßig. Wobei das eigentlich so war, weil meine Nähkünste auch irgendwie so ihre Grenzen hatten und so die Gewandung natürlich auch beschränken. Dieses Kleid trenne ich gerade teilweise wieder auf, die Höllenfenster müssen weg und dafür noch 4 Geren rein) Gewandung kaufen kann man mal getrost vergessen, wenn’s nicht Leonardo Carbone Einheitsbrei sein soll. Und der ist wirklich hübsch, aber zum ganz großen Teil soweit von „A“ wie „authentisch“ entfernt wie ein Schnitzel von einem Tofu-Bratling. Ja, ist leider so.

Ok, dann gab es da Freunde von uns, die in einer sehr festgelegten Mittelaltergruppe „mitspielen“, die ausschließlich 1440 bis 1460 rund um Köln darstellt. Sie offerierten uns, in Satzvey mitzulagern, man könne im Gästezelt Unterkunft finden. Das ist natürlich eine Hausnummer und das wollten wir natürlich mitmachen (hat sich mittlerweile wegen „geht nicht“ wieder zerschlagen, aber mehr dazu später).

So, nun hatten wir da ein Projekt. SpäMi = Spätmittelalter. Der entsetzte Mittelalter-Fantasy-Rumtüddler stellt leider fest, daß nichts, aber auch gar nichts aus der Gewandungskiste zu diesem festgelegten Rahmen passt. Da ich aber mittlerweile in einem anderen Teilbereich meines Lebens recht tief ins Thema Nähen vorgedrungen bin, sollte das passen. Ich habe hier nicht mehr viel gezeigt, denn die Zeit im normalen Alltagswahnsinn zum Nähen abzuknapsen ist das eine. Darüber auch noch zu bloggen ist das andere. Da fehlt’s mir dann meistens an den nötigen Minuten.

Nun bin ich ja der festen Überzeugung, daß alles so sein soll wie es ist und jede Wendung ihren Sinn hat, führte also das geplatzte Angebot zum Lagern mit den Kriegsraben dazu, daß wir und nun endlich (nach Jaaaahhaaaren) mal festlegen konnten, eine Zeit anzupacken und uns an genau diese Darstellung heranzuwagen. Jawoll, das war gut 🙂

Nach viel Lesen und tüfteln, hab ich mittlerweile ganz gut auf dem Schirm, was „man trug“, auch wenn wir uns doch mal von dem Bereich rund um Köln lösen. Grob gesagt haben wir da für Männlein eine schmalere Bruche, darüber eine Schamkapselhose, obenrum den Wams, der an der Hose angenestelt ist (wohl dem, der keinen Durchfall hat 😉 ) und darunter wiederum ein recht schmales Hemd. Über Hemd und Wams gibt’s dann noch eine Schecke und eine Gugel, die gleichzeitig ein Chaperon ist (oder umgekehrt)

Weiblein trugen ein Unterkleid oder mittlerweile auch schon eine Art Unterhemd (da eher ein Unterrock, aber mit Trägern und damit nicht ganz so fies warm für Sommer-Märkte) und darüber die Cotte = Kleid mit engen Ärmeln und engem Oberteil. An Ärmeln und Oberteil (vorn) Schnürung oder Knöpfe, wobei Anfang des 15. Jh eher Knöpfe und später dann vermehrt Schnürungen. Darüber gab es dann ggf. noch das Surcot, ein weiteres Überkleid. Darüber einen Mantel (auch schon mit Ärmeln) und eine Gugel bei Bedarf. Ansonsten für verheiratete Frauen eine Haube.

Wir nähern uns dann auch technisch der Umsetzung mit einem immerhin fertigen Kleid, Hemd und Bruche für den Gatten und einem geklebten und ausgeschnittenen E-Book einer Schamkapselhose. Hier hapert es derzeit noch am passenden Stoff, denn es soll Mi-Parti (= zweifarbig mittig geteilt) sein. Und schließlich muss das der gleiche vernünftigerweise dünne Wollköper in zwei verschiedenen Farben sein. Aber hierzu werden wir morgen nochmal die MiA-Stoffhändler unseres Vertrauens befragen 🙂

Und vom Kleid, das jetzt probehalber erstmal aus günstigem einlagigen Barchent ist, zeige ich morgen nochmal Fotos (wenn ich es nicht vergesse 😉 ) Richtig ist es nämlich so,daß der Oberstoff aus Wolle ist und das ganze dann gefüttert mit Leinen. Aber ich wollte meine Nähkünste ja auch nicht gleich überstrapazieren.

Mehr immer mal wieder an dieser Stelle 🙂 (Falls ich dazu komme, hatte ich erwähnt, daß ich für 4 bis 6 Personen die Gewandung machen „muss“ ? *zur Nähmaschine flitz* 🙂 )